Noch   Tage,   Std.,   Min. und   Sek. bis zur Rohremer Kerb 2020...

Im Jahr 1973 wurde in Groß-Rohrheim die Bürgerhalle eingeweiht. Damit verfügten wir erstmals über einen großen Veranstaltungsraum in unserem Dorf und dieser wurde mehr und mehr zum Zentrum des kulturellen Lebens.

Schon aus historischen Gründen heraus hatte der Maimarkt immer einen besonderen Charakter und lockte mehr Besucher an als z.B. die Kerb. In der Bürgerhalle wurden dann Tanzveranstaltungen oder Bunte Abende durchgeführt und der Maimarkt erfuhr einen guten Zuspruch. Zur Kerb wurden dann, eigentlich als Kopie des Maimarktes, die gleichen Veranstaltungen durchgeführt. Allerdings blieben die Besucher aus und wenn meine Erinnerung mich nicht im Stich lässt, waren im Jahr 1974 bei der Veranstaltung am Kerwesamstag nur etwa 100 Gäste in der Bürgerhalle und am Sonntag ließ man die Veranstaltung dann sogar ganz ausfallen.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt wurde die Generation des Jahrganges 1956/57 mobil. Man legte sich einen fahrbaren Untersatz der Marke Zündapp oder Kreidler-Florett zu (die Bibliser fuhren gerne auf Maico) und besuchte die Volksfeste der näheren und weiteren Umgebung. So kam man zwangsläufig irgendwann nach Stockschd, Golle und Crumschd, wo Kerb noch sehr traditionell gefeiert wurde. Erstmals wurde man mit der Kerwetradition und der Spezies der Kerweborsch konfrontiert. Was waren nun eigentlich Kerweborsch?

Junge Männer im Alter von etwa 18-20 Jahren die sich eine rot-weiße Schärpe umhängten auf der “Kerweborsch von sowieso“ zu lesen war und eine Studentenmütze oder einen Strohhut trugen, sich als Chef einen Kerwevadder (mit Zylinder) gewählt hatten und eine Superstimmung verbreiteten. Bei diesen Veranstaltungen in den oben genannten Riedgemeinden war jeweils am ganzen Wochenende der Teufel los und mir stellte sich irgendwann die Frage: Weshalb gibt es das nicht bei uns in Groß-Rohrheim?“

Neben Handball spielen war ich damals Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und spielte im Fanfarenzug. Montags war Übungsstunde. Dienstags allerdings trafen sich die „Alten“ zum Bier und dabei wurden immer lustige Geschichten von Früher erzählt. Die Gruppe der “Alten“ war im Alter zwischen 40 und 50 Jahren und ich kann mich an folgende Namen erinnern: Phillip Henzel, Philipp (Bescho) Lautenbach, Robert Kugler, (Schneiders) Werner Lautenbach, Walter Stumpf, Helmut Bingel, Günter Lindenstruth und andere.

Gerne hörte ich dabei zu und insbesondere ein Bericht über die Kerb in Schwanheim hatte es mir angetan. Bei der Wahl einer Tanzpartnerin war es mit den jungen Schwanheimer Männern zu Meinungsverscheiden gekommen und man geriet sich ordentlich in die Haare, wobei die Groß-Rohrheimer deutlich in der Unterzahl waren . Die teilnehmenden Personen sind bekannt, für den weiteren Bericht sind diese Namen jedoch nicht wichtig. Die Handgreiflichkeiten endeten schließlich damit, dass die Groß-Rohrheimer im Festlokal das elektrische Licht sabotierten und ihr Heil in der Flucht suchten.

Irgendwann kam dann die Rede auf die Zeit Ende der Vierziger – Anfang der 50er Jahre, als es zum letzten Mal Kerweborsch in Groß-Rohrheim gegeben hatte.

Man schwelgte in der Erinnerung, dass damals das ganze Dorf auf den Beinen war, es einen tollen Kerweumzug und sogar ein Kerweblädche gegeben hatte.

Philipp Henzel traf dabei, irgendwann im April des Jahres 1975 die Aussage, “So etwas bringt die Jugend von heute ja nicht mehr auf die Beine“. Diese eher lapidare und pauschal gemeinte Feststellung regte Widerstand in mir. Weshalb eigentlich nicht? Weshalb nicht einmal probieren, ob wir so etwas auch können? Weshalb nicht mal zeigen, dass “die Jungen“ mehr drauf haben?

Wenn ich mich richtig erinnere waren bei den Touren ins nördliche Ried meistens der Ronald, der Zinker, der Kurti und der Micki dabei. Schoah, Soft, Gagga, Jürgen, Hansi, Freddy, Börk und Monkey komplettierten unsere Clique.

Anfang Mai waren wir also 13 junge Groß-Rohrheimer, die sich auf das Ziel: “Wir wollen Kerb feiern wie früher“ eingeschworen hatten. Die alte Wagnerwerkstatt beim Merboths Günter in der Kornsstraße war oftmals der Treffpunkt für die konspirativen Zusammenkünfte.

Internet und Google waren noch nicht erfunden und so holten wir uns die erforderlichen Informationen bei Philipp Henzel und Günter Spazier, die beide vormals Kerweborsch gewesen waren.

Ohne die Unterstützung vieler Groß-Rohrheimer wäre die Rohremer Kerb allerdings nicht möglich gewesen. Unterstützung erhielten wir z.B. von Helmut Bingel, Horst Kirsch, Ello Kirsch, Philipp Bode, Bürgermeister Peter Rudolf und vielen anderen spontanen Spendern.

Am 6. August, also gerade einmal 16 Tage vor der Kerb, wurden die Vereine angeschrieben und über die Wiederauferstehung derselben informiert. Aufstellungsort für den Festzug war damals noch die Beinstraße und es nahmen 21 Wagen und Fußgruppen am Umzug teil.

Alfred Schmidt besorgte bei BBC in Mannheim für DM 8,40 (+ 11%MwSt) ein Eisenrohr, welches vor der Bürgerhalle einbetoniert wurde und als Bodenhülse für den Kerwebaum diente. Die Freiwillige Feuerwehr unterstütze uns beim Aufstellen des 1. Kerwebaumes und regelte den Verkehr beim ersten Kerweumzug. Insbesondere Friedhelm Faatz war immer ein unermüdlicher Unterstützer des Kerwegedankens.

Die Bürgerhalle wurde vom Schützenverein bewirtschaftet. Samstag um 16:00 Uhr war Bieranstich durch Günter Spazier. Ab 20:00 Uhr spielten die Swing Stars zum Tanz.

Das Hauptthema der Kerweredd 1975 war ein richtiger Aufreger und sorgte weit über die Grenzen Groß-Rohrheims hinaus für Gesprächsstoff.

In der Nacht von Kerwesamstag auf Kerwesonntag fuhren einige Kerweborsch mit einem weinroten 128er Fiat nach Bobstadt. Neben vier Kerweborsch (und insgesamt etwa 10 Promille) war noch eine Leiter als Zeuge dabei: Die Bobstädter büßten erstmals den Kerwekranz ein. Unvorsichtigerweise feiern sie ihre Kerb immer zur gleichen Zeit wie die Rohremer.

Die Kerb 1975 wurde ein voller Erfolg. Die Groß-Rohrheimer strömten zur Bürgerhalle. Und die jungen Leute hatten gezeigt, dass sie was auf die Beine stellen können. Und dies gilt auch heute, 30 Jahre später unverändert fort.

Die Kerb ist schon längst das schönste und größte Fest im Dorf und jedes Jahr ist die Bürgerhalle lediglich bei zwei Veranstaltungen “ausgebucht“: Samstagabend zur Kerweshowtime und Sonntagmittag zur Kerweredd.

Heute kommen junge Frauen und Männer von Bittelborn bis Lambade zur Kerb nach Rohrem. Die Rohremer Kerb ist weit über die Dorfgrenzen hinaus zu einem Symbol für eine fröhliche und traditionelle Kirchweih geworden.

von Walter Öhlenschläger im Jahre 2005